Jugendämter kämpfen um besseren Ruf

Infofahrt zu verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe in Stadt und Landkreis

Rosenheim/Landkreis - Jugendämter genießen nicht den besten Ruf. In der Öffentlichkeit werden sie häufig als eine Behörde wahrgenommen, die Eltern von ihren Kinder trennt oder unfähig ist, eine Kindsmisshandlung zu verhindern. Mit einer bundesweiten Kampagne soll derzeit das schlechte Image aufpoliert werden. Daran beteiligte sich nun auch das Kreisjugendamt Rosenheim. Anhand von drei Beispielen aus dem Landkreis wurde bei einer Pressefahrt gezeigt, wie vielschichtig Jugendhilfe in Wirklichkeit ist und dabei mit so manchem Vorurteil aufgeräumt.

Jugendämter gibt es in Deutschland seit rund 100 Jahren. Lange Zeit standen Eltern dieser Institution mit "Eingriffsrecht" skeptisch gegenüber. Viele befürchteten, dass man ihnen ihre Kinder "einfach so" wegnehmen könnte.

Dieses Vorurteil hielt sich hartnäckig, weshalb Ende 1990 mit einem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz ein Wandlungsprozess angestoßen wurde. Seitdem entwickelt sich das Jugendamt immer mehr hin zu einer dienstleistungsorientierten Fachbehörde. Neben der Schaffung einer kinderfreundlichen Umwelt und der Förderung junger Menschen stehen heute vor allem die Beratung und Unterstützung von Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder im Mittelpunkt. Der Hilfe zur Selbsthilfe, der Beteiligung der Betroffenen an allen Entscheidungen und der Autonomie der Familie kommen ein hoher Stellenwert zu.

Nur wenn Eltern diese Unterstützung ablehnen oder ihre Erziehungsverantwortung nicht ausreichend wahrnehmen oder gar missbrauchen, ist das Jugendamt laut Gesetz noch verpflichtet, unmittelbar den Schutz und das Wohl von Kindern zu gewährleisten.

"Jugendämter sind besser als ihr Ruf"

Der Ruf der Jugendämter wurde durch diesen Wandel aber bis jetzt nicht viel besser. Die heutigen Vorwürfe sind jedoch meist anderer Natur als noch vor 50 Jahren. Angesichts immer neuer Meldungen über verhungerte oder totgeprügelte Kinder wird den Jugendämtern vorgeworfen, dass sie oftmals zu spät handeln und vieles gar nicht bemerken.

"Das ist tatsächlich ein Dilemma", stellte Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer bei der Pressefahrt fest. Fakt sei: "Eine 100-prozentige Sicherheit kann man mit keinem Gesetz erreichen."

Doch er wehrte sich auch gegen die vielen Vorurteile im Bezug auf die Arbeit der Jugendämter. Besonders in unserer Region werde zum Wohle der Kinder viel getan, auch in Zusammenarbeit mit den freien Trägern. Junge Mütter dieser Tage seien die Ersten, die das Jugendamt vorrangig über ihre vielen Hilfsangebote wahrnehmen würden. Wichtig sei es, den Familien möglichst frühzeitig Unterstützung anzubieten.

Die bundesweite Imagekampagne erachtete auch er als sinnvoll. Die breite Öffentlichkeit nehme in erster Linie fast ausschließlich Meldungen über die Schattenseiten und Misserfolge wahr. Dementsprechend hätten die Bürger gar keine wirkliche Vorstellung von der Vielschichtigkeit der Arbeit der rund 600 Jugendämter in Deutschland.

Bei der Pressefahrt, die auf Einladung von Landrat Josef Neiderhell stattfand, wurde ein Einblick über die vielen Angebote für Eltern, Kinder und Jugendliche in Stadt und Landkreis Rosenheim gegeben.

Die erste Station war die Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Brannenburg. Im Regionalbüro der Caritas wurden Erziehungsberatung und ambulante Erziehungshilfen durch ihre Träger vorgestellt. Weiter ging die Fahrt nach Mietraching zu den Räumen des Diakonischen Werkes. Dort wurde erklärt, wie teilstationäre Erziehungshilfen funktionieren und wem dieses Angebot zugute kommt. Letztlich besuchten die Teilnehmer der Fahrt, darunter auch einige Bürgermeister aus dem Landkreis, das Kinderheim "Schöne Aussicht" unter dem Aspekt der stationären Erziehungshilfen.

Das Fazit von Kreisjugendamtsleiter Fischer nach der sogenannten "Tour de Jugendhilfe" lautete: "Für die Jugendhilfe wird viel Geld ausgegeben. Wir dürfen in Zukunft nicht sparen, sollten aber schauen, dass dieses Geld möglichst vielen Kindern und Jugendlichen zugute kommt". So könnte er sich zum Beispiel vorstellen, das heilpädagogische Fachkräfte in Zukunft auch in Ganztagsschulen eingesetzt werden könnten. wu

Oberbayerisches Volksblatt 11.06.2011